Presse


Berliner Zeitung | 13.04.2004

Linke und Polizei stimmen sich auf den 1. Mai ein

Autonome Aktionen in den nächsten Tagen geplant

VON ANDREAS KOPIETZ

Alle Jahre wieder: Polizei und linke Szene bereiten sich eifrig auf den 1. Mai vor - jeder auf seine Art. "Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass der 1. Mai völlig gewaltfrei verlaufen wird", sagte Innensenator Ehrhart Körting (SPD) gestern der Berliner Zeitung. Aus diesem Grund wird die Polizei wieder mit tausenden Beamten im Einsatz sein. Die Rede ist von rund 7 500 Polizisten. Auch im linksradikalen und autonomen Spektrum steigt die Vorfreude: Im Internet stehen die üblichen Sprüche gegen "Bullen" und "Schweinesystem". Dieses Mal allerdings scheinen sich die Protestierer einiger zu sein als sonst. Sie rufen nur zu einer "Revolutionären 1.

Mai-Demonstration" auf. Nach Vorstellung des Veranstalters ACT!, einem Bündnis mehrerer Gruppen, soll die Demo, zu der bis zu 10 000 Teilnehmer erwartet werden, um 16 Uhr am Potsdamer Platz starten. Die Abschlusskundgebung ist am Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg vor der "Bolle-Ruine", einem symbolträchtigen Ort, der von einigen auch "Revolutionsdenkmal" genannt wird. Am 1. Mai 1987 war dort ein Supermarkt abgebrannt.

Die Demo-Organisatoren sind es leid, seit Jahren immer nur durch den Kreuzberger Kiez ziehen zu müssen. Nun wollen sie dort demonstrieren, wo das verhasste Kapital sitzt, etwa am Haus des Bundesverbandes der deutschen Industrie in der Breite Straße. "Für uns ist es besonders wichtig, durch Mitte zu gehen, weil Themen wie Sozialabbau dieses Mal so präsent sind", sagt ein ACT!-Sprecher.
Dass die Polizei die Route genehmigt, ist unwahrscheinlich. Ohnehin scheint die Lage für die Sicherheitskräfte schwer überschaubar. Zum einen rechnet die Polizei mit der obligatorischen Randale zur Walpurgisnacht im Mauerpark. Am 30. April muss die Polizei auch noch den Gendarmenmarkt abriegeln, weil im Schauspielhaus anlässlich der EU-Erweiterung ein Festakt mit Vertretern der Europäischen Union stattfindet. Zeitgleich wollen gegen diese Veranstaltung 2 000 Anhänger linksradikaler Gruppen unter dem Motto "Kommunismus statt Europa" in der Nähe protestieren.