Presse


Tagesspiegel | 30.04.2004

Willkommen in Europa

Mit einem fröhlichen Straßenfest hat Berlin am Freitag die zehn neuen EU-Mitglieder begrüßt. Bei strahlendem Sonnerschein eröffnete der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit das "Kulturjahr der Zehn".


Zusammen mit den Botschaftern der EU-Neulinge schickte Wowereit 500 blaue "Europa"-Luftballons in den Frühlingshimmel über Berlin. Tausende Bürger, die bereits am Mittag über den Pariser Platz flanierten, hatten zuvor Wunschkarten zu Europa daran gebunden. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) mischte sich kurz unter die Besucher.

Schröder und Wowereit würdigten die EU-Erweiterung am 1. Mai als einen historischen Moment. "Dies ist ein Ereignis, das man sich vor 15 Jahren nicht hätte vorstellen können", sagte der Kanzler. Er freue sich über die Chance, Europa zu einem Ort des dauerhaften Friedens zu machen. Zugleich warnte er davor, die Erweiterung vor allem als wirtschaftliches Risiko zu betrachten. Er könne die Ängste verstehen, doch "das ist kein ökonomischer Verlust, im Gegenteil, die Exporte in die neuen EU-Staaten sind jetzt schon größer als in die USA", betonte Schröder.

Wowereit erinnerte an die besondere Verantwortung, die Deutschland gegenüber den ehemaligen Kriegsgegnern habe. Das Land, das so viel Leid ausgelöst habe, müsse nun besonders für Einheit und Frieden in Europa eintreten. "Die Teilung zwischen Ost und West wird endgültig überwunden", unterstrich der SPD-Politiker.

Am späten Nachmittag wollten linke EU-Gegner unter dem Motto "Kommunismus statt Europa" gegen die "Formierung eines repressiven Europäischen Machtblocks" demonstrieren. Ihre Kritik richte sich gegen "die zunehmende militärische Aufrüstung Europas nach außen und die zunehmende Repression nach innen", hieß es. Die Veranstalter erwarteten mehrere 1000 Teilnehmer. Die Polizei hatte eine Demonstrationsroute in der Nähe des Straßenfestes oder der Gala am Gendarmenmarkt verboten.

Am Abend waren rund 800 hochkarätige Gäste aus Politik und Wirtschaft zu einem festlichen Empfang von ZDF und Telekom geladen. Bei der zweistündigen Eurovisions-Gala sollten Weltstars wie Cecilia Bartoli und Künstler aus den Beitrittsländern musikalisch auf den historischen Moment einstimmen. Der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, der 1989 nach der Massenflucht von DDR- Bürgern in die deutsche Botschaft in Prag in einem bewegenden Moment deren Ausreise verkünden konnte, wollte die Tschechische Republik Willkommen heißen.

Gleich zwei Mal sollte der Beitritts-Countdown wegen der unterschiedlichen Zeitzonen gezählt werden: Um 23.00 Uhr für die baltischen Staaten und Zypern, um 24.00 Uhr für den Rest. Als ein Höhepunkt war der Auftritt eines 200-köpfigen Kinderchors geplant, der auf den Stufen eines ganz in Europa-Blau getauchten Konzerthauses zusammen mit der Jazzsängerin Jocelyn B. Smith eine europäische Kinderhymne singen sollte. (tso/dpa)